Klamotten aus Plastik. Eine zerfaserte Katastrophe.

Vanessa Koch — — 10 Minuten

Wusstest Du, dass 35% des im Meer ankommenden Mikroplastik aus der Wäsche in unseren Waschmaschinen stammt? Kein Wunder eigentlich, denn viele Klamotten in unseren Schränken und Textilien in unserem Haushalt bestehen aus Mischgewebe oder ganz konsequent zu 100 % aus Kunststoff.

Sag nein zu Kleidung aus Plastik
Sag nein zu Plastik in Deiner Kleidung (Foto: Cleyton Ewerton von Pexels)

Das bedeutet, dass wir jedes Mal, wenn wir unterwegs sind, die Kleidung ausziehen, waschen oder schütteln, kleinste Fasern in die Umwelt abgegeben werden. Aber nicht nur unsere Klamotten geben Mikroplastik ab. Auch unsere Heimtextilien. Wenn wir die Decke aus Fleece oder den tollen praktischen Lappen aus Mikrofaser waschen, lösen sich tausende von kleinen Fasern.

Ein paar Zahlen dazu:

Laut einer Studie der britischen „Plymouth University“ gelangen bei einer durchschnittlichen Wäsche ca. 138.000 Fasern aus Polyester-Baumwoll-Mischgeweben, ca. 496.000 Fasern aus Polyester ins Abwasser. Acryl-Gewebe schlägt alles. Hier sind es sogar ca. 730.000 Fasern pro Wäsche, die ins Abwasser verduften. Diese Fasern, oder besser gesagt Partikel, können von Kläranlagen nicht rausgefiltert werden. Sie sind schlichtweg zu klein und landen schließlich in Flüssen, im Grundwasser und natürlich am Ende in den Meeren.

Eine Idee: Spezielle Waschbeutel, sie sollen verhindern, dass die Fasern ins Abwasser gelangen. Doch wohin mit den Faser-Resten? Wie werden die entsorgt? Diese gehören ganz klar in den Restmüll, denn sie können nicht recycelt werden.

Anmerkung d Rdk.: Die Waschbeutel sind aktuell noch die einzige Lösung. Allerdings bestehen sie ebenfalls aus Kunstoff. Nach einigen Trommeln Wäsche konnten wir feststellen, dass durch die Reibung sich ebenfalls Fasern von dem Beutel lösen. Wer aber Kleidung mit Kunststoffen besitzt, sollte sie dennoch verwenden. Es ist besser als ohne Waschbeutel zu waschen.

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Wie Kleidung unsere Gesundheit beeinflusst.

Es sind nicht nur die Microfasern, die uns oder der Umwelt schaden können. Kleidungsstücke aus Kunststoff, stehen generell im Verdacht ungesund zu sein. Denn durch den direkten Hautkontakt können beim Schwitzen chemische Substanzen, die bei der Herstellung entstanden sind oder anschließend aufgetragen wurden, aus den Klamotten herausgelöst und über die Haut in den Körper aufgenommen werden. Viele davon sind Weichmacher, die der Körper als Hormone wahrnimmt. Das macht den Hormonhaushalt verrückt. Diabetes, Schilddrüsenerkrankungen, Fettleibigkeit und auch Unfruchtbarkeit können die Folgen sein. Und natürlich sind vor allem die Produkte häufig chemisch belastet, die günstig und in Massenproduktion in jenen Ländern gefertigt werden, in denen es kaum Kontrollen gibt. Das bedeutet aber nicht, dass billig gleich „giftig“ ist. Denn auch Produkte von luxuriösen Marken enthalten solche Substanzen. Es empfiehlt sich daher neue Kleidung aus Kunststoff oder Mischgewebe vorm ersten Tragen zu waschen. Noch besser: verzichtet auf Kunstfasern.

Biozide:

Neuerdings bieten viele Firmen auch Kleidung mit Bioziden an (z.B. Sportbekleidung und Periodenpanties), wie Silberchloride (Silbersalzlösungen), die Bakterien hemmen sollen. Wer kennt nicht den klassischen Sportmuff aus der Sporttasche? Anders als Naturfasern, können Kunststoffe eben nicht so gut Feuchtigkeit abgeben und trocknen auch nicht so schnell. Sie bieten daher einen guten Nährboden für Bakterien. Die Biozide sollen das verhindern, so dass das Wäschestück deutlich weniger gewaschen werden muss. Kleidung mit Bioziden gelten laut Hersteller als klimafreundlich, weil Energie und Wasser gespart werden - den weniger Geruch impliziert, dass man die Wäsche nicht mehr täglich waschen muss. Biozide stehen allerdings auch im Verdacht nicht ganz gesund zu sein. Dazu laufen aktuell Untersuchungen. Beim Waschen gelangen Biozide ebenfalls ins Wasser und schaden Organismen und Tieren. Das natürlich nur, je mehr Biozide ins Wasser gelangen. Also, je mehr Bekleidung mit Bioziden genutzt werden, desto gefährdender für die Natur werden sie. Besser Finger weg von solchen Kleidungsstücken.

Aber nicht nur beim Tragen oder Waschen kann die Kleidung schaden. Schon während der Produktion sind die Arbeiter:innen in der Textilindustrie den Chemikalien ausgesetzt. Dort konnten Fehlgeburten, Krebserkrankungen und hormonelle Veränderungen beobachtet werden. Hinzu kommen Flammschutzmittel, Farbstoffe und Pestizide oder Gase, die die Stoffe für den Transport konservieren und vor z.B. Schimmel schützen sollen. Diese Chemikalien landen auch in die Abflüsse der Textilindustrie und verunreinigen Gewässer und Trinkwasser.

Kleidung aus Erdölen und Bäumen:

Aus welchen Rohstoffen werden Kunststoff-Kleider hergestellt? Synthetische Stoffe werden aus zwei Grundsubstanzen hergestellt.

  1. Erdölbasiert, wie Polyester, Polyacryl, Polyamid, Nylon, Elasthan, Lycra und Acetat: Sie werden als vollsynthetische Stoffe bezeichnet.
  2. Biobasiert, wie Viskose, Modal, Lyocell/ Tencel sind halbsynthetische Stoffe.

Erstere verbraucht viele fossile Ressourcen und erzeugt entsprechend hohe CO2-Emission. Laut BUND wurden 2015 etwa 706 Milliarden Kilogramm CO2-Äquivalente allein durch die Produktion von Polyesterfasern erzeugt, welche mit 60% den größten Teil an Kunstfasern bilden. Das entspricht in etwa dem Ausstoß von 185 Kohlekraftwerken in einem Jahr, oder der Menge CO2, die 234 Millionen Hektar Wald speichern würden – eine Fläche so groß wie Algerien!

Mit den biobasierten halbsynthetischen Geweben wird gerade ein nachhaltiger Trend platziert. Da viele Firmen diese Stoffe als nachhaltig und umweltschonende Gewebe aus pflanzlichen Fasern wie Bambus, heimischen Hölzern oder Eukalyptus bewerben. Sie werden als wassersparend und klimafreundlich bezeichnet. Bambus und Eukalyptus wird sogar nachgesagt, dass sie antibakteriell sind. Jedoch, bis aus einem Stück Holz ein softer Stoff wird, muss während der Herstellung viel Chemie angewendet werden. Und von den natürlichen Wirkstoffen, wie antibakterielle, können nicht mehr nachgewiesen werden. Die nachhaltigste Variante Lyocel stellt die Firma Lenzing mit dem Produktnamen Tencel her. Doch Beschreibungen wie „nachhaltigste“ und „umweltfreundlicher“ impliziert nur, dass sie besser sind, als ein vergleichbarer Stoffe. Es ist also nicht per se gut. Und Handtücher aus Holz oder ein Sweater aus Bambus darf auch als solches nicht bezeichnet werden. Denn der Verkehrsbegriff ist dafür Viskose. Alles andere ist irreführend und illegal.

Wo ist was im Kleiderschrank?

Hier mal eine Zusammenstellung der Kunststoffe, die in einem durchschnittlichen Kleiderschrank hängen:

Garderobe mit Kleidern drauf

Erstaunlich viele Kleidungsstücke enthalten Plastik. (Foto: Liza Summer von Pexels)

T-Shirts und Pullover:

Elasthan und Lycra (EL): machen Stoffe besonders dehnbar und sorgen dafür, dass Dein Pulli eng anliegt.

Dickere Pullover:

Polyacrylnitril (PAN), Polyamid (PA) oder Polyester (PES).

Strickwaren:

Nylon (PES) und Acryl (PAN), um zu verhindern, dass die Wolle Knötchen bekommt. 100% Polyester (PES), Viskose (CV) wenn die Strickware für Empfindliche, Pflegemuffel und Veganer sein soll.

Kleider und Röcke:

Vor allem bei leichten Sommerkleidern, die fließend fallen oder dehnbaren Stücken kommen Elasthan und andere flexible Kunstfasern wie Viskose (CV), Lyocell (CLY), Polyester (PES) oder Cupro (CUP) zum Einsatz.

Jeans:

Auch die gute alte Jeans besteht nicht mehr nur aus Baumwolle. Für die Körperbetonung wird Elasthan (EL) und Polyester (PES) beigemischt.

Sport- und Badekleidung:

Diese Klamotten müssen besonders fit sein: Badehose, Bikini, Sportsbra, Leggings, Yogapants bestehen daher meistens aus Polyamid (PA) und Elasthan (EL).

Unterwäsche:

BHs und Höschen müssen formstabil bleiben und einfach zu pflegen sein. Ohne Elasthan oder Lycra (EL) geht da kaum was. Polyamid (PA) und Lyocell (CLY) kommen auch zum Einsatz.

Socken:

Auch sie sollen schnell trocknen und formstabil bleiben und dürfen am Fuß nicht verrutschen. Deswegen gibt es diverse Mischgewebe mit TENCEL/Lyocell, Elasthan, Lycra, Polyester, Polyamid oder Acryl.

Übrigens: Nur Lyocell, das in der EU hergestellt wird, ist Viskose aus Holz oder Bambus ohne jegliche Chemie. Bambus ist auch Viskose und somit eine chemische Faser. Es kommt sehr viel Chemie zum Einsatz, bis Bambus so weich ist wie Baumwolle.

Jacken:

In Jacken finden sich die meisten Kunstfasern. Für Mikrofasern, die besonders dünn sind, kommt gleich eine ganze Reihe an synthetischen Materialien zum Zug: Polyamid (PA), Polyacryl (PAN) und Polyester (PES). Soll es wasserdicht sein wird mit Polyacryl beschichtet oder mit mikroporösen Membranen aus Polyurethanen oder Copolymeren gearbeitet. Auch das Innenfutter besteht oft aus einem Kunststoff-Mix, vor allem Viskose (CV), Zelluloseacetat und Nylon (PES).

Fleece, Webpelze und Kunstfelle:

Hier ist die Mikrofaser zuhause. Quasi das El Dorado der Kunststoffe, Plastik wohin man schaut.

Ein Meer voller guter Taten?

Zurück zum Meer. Das wir ein Problem mit Plastik im Meer haben, ist allmählich bekannt. Und das es immer mehr wird, weil immer mehr Kunststoffe ins Meer gelangen, weil immer mehr Kunststoff im Verkehr durch Kleidung und andere alltägliche Produkte und Verpackungen gebracht werden. Wir Verbraucher werden dem Problem gewahr und versuchen bereits mit aktiven Organisationen und Projekten wie Meeressäuberungen, Clean-ups und Co mit der Symptomatik umzugehen. Es gibt uns das Gefühl Macht über das Problem zu bekommen.
Die Marketingabteilungen und die Industrie reagieren darauf auf ihre Weise: „Lasst uns recycelte Kunststoffe nehmen. Am besten aus dem Meer!“.
Ob diese Kunststoffe giftige Substanzen aus dem Meer mitbringen, wer weiß? Denn bei Meeresplastik ist bekannt, dass es sich mit giftigen Substanzen verbinden kann. Damit die „neuen“ Klamotten stabil sind und halten, müssen zusätzlich neue Rohstoffe beigemischt werden. Ein Produkt ist nie aus reinem „Meeresplastik“. Und es ist auch nicht nur „DAS Meeresplastik“. Denn zum Recyceln eignen sich nur Kunststoffe, wie HDPE oder PET, die auch nur eine kurze Zeit Sonne und Wasser ausgesetzt waren, sonst sind sie zu porös, um daraus neue Produkte herzustellen. 

Plastik statt Muscheln sammeln. (Foto: Luiz Wanda von Pexels)

Klar, weniger Plastik im Meer hört sich klasse an. Aber es ist nur ein Bruchteil, der aus dem Meer gefischt und „recycelt“ wird. Die Wirkung für die Marken ist dafür aber umso größer. Man nennt das klassisches Greenwashing, die Umwelt hat davon allerdings leider nicht viel.

Zudem ist der Recyclingaufwand deutlich energieaufwändig. Das Plastik muss gewaschen, geschreddert, eingeschmolzen mit neuem Rohstoff gemischt und zu Fäden gezogen und dann zu Stoff versponnen und gewoben werden. Bisher wird bei Recycling-Stoffen sogar deutlich mehr Energie verbraucht, als wenn Kunstfaser aus reinem Erdöl hergestellt werden.

Eine Frage bleibt immer am Ende: Was passiert danach, wenn die Kleidung aus Kunststoff nicht mehr tragbar ist? Nur sehr langsam beginnen Unternehmen eine funktionierende Kreislaufwirtschaft bzw. Recyclingsystem aufzubauen. Und selbst wenn, der Teufelskreis dreht sich dann einfach weiter. Denn die Produkte werden gekauft, getragen, gewaschen und wieder mit neuem Kunststoff entweder zu neuen Produkten verarbeitet oder verbrannt.

 

Wie kann mein Kleiderschrank nachhaltiger werden? (Foto: Liza Summer von Pexels)

Fazit:

Was also tun? Hier gibt es ein paar Tipps:

  • Tragt die Kleidung lange und vor allem verzichtet künftig auf Kleidungsstücke aus Kunststoff oder mit Kunststoffanteilen.
  • Wascht neue Produkte unbedingt vor dem ersten Tragen. Nach 3 Wäschen sollten viele Chemikalien nur noch in geringen Mengen in der Kleidung sein.
  • Wascht vor allem mit ökologischen Waschmitteln und vermeidet zusätzliche Weichspüler oder Wäscheparfum von herkömmlichen Herstellern. Denn diese enthalten ebenfalls chemische Substanzen, die Allergien hervorrufen können und vor allem Organismen in Gewässern Schaden.
  • Habt ihr Kunstoff in eurer Kleidung, benutzt beim Waschen einen entsprechenden Waschbeutel.
  • Versucht kaputte Kleidung zu reparieren.
  • Kauft secondhand Kleidung. Da könnt ihr sicher sein, dass es deutlich weniger Chemikalien gibt und ihr gebt dem Kleidungsstück eine weitere Chance.
  • Verzichtet auf Kleidung mit Mischgeweben. Diese sind nicht recyclebar.
  • Tauscht eure Kleidung oder leiht sie, wenn ihr wisst, dass ihr diese Kleidungsstücke nicht länger behalten oder sowieso nur ein paarmal tragen wollt.
  • Kauft weniger und dafür bewußt aus natürlichen Materialien.

 

Mehr dazu:

https://www.bund.net/fileadmin/user_upload_bund/publikationen/meere/meere_mikroplastik_aus_textilien_faltblatt.pdf

https://www.bef-de.org/70-der-weltweit-produzierten-kleidung-besteht-aus-kunststoff-angereichert-mit-unmengen-an-chemischen-zusatzstoffen-eine-gefahr-fuer-deine-haut-und-unsere-umwelt/